Vor einigen Jahren durfte ich einen Beitrag zur Verabschiedung meines Chefs verfassen. Dabei habe ich ein Bild aufgegriffen, das ich schon lange vor meinem inneren Auge sehe: Den Zug des Lebens. Und kürzlich habe ich mich wieder daran erinnert.
Das Leben als Zug – ich mag das Bild. Es zeigt für mich, dass wir im Laufe der Zeit immer reicher an Erfahrungen werden. Es zeigt aber auch, dass Veränderung jederzeit möglich ist.
Jeder Lebensbereich ist ein Waggon. Mit den Jahren, werden es immer mehr: die Kindheit, die erste große Liebe, die Ausbildung, das Studium, der Job… es gibt zahlreiche Möglichkeiten und wir können ein Stück weit selbst entscheiden, welche Bereich in unserem Leben so groß und wichtig werden dürfen, dass sie einen eigenen Waggon erhalten.
Doch auch das muss nicht so bleiben. So gibt es vielleicht einen Waggon für die Ehe, der nach einer Scheidung plötzlich leer steht und trotzdem mitfährt – als Erinnerung. Es gibt einen Waggon für die Zeit, in der die Kinder noch im Elternhaus gelebt haben.
Sie sind leer und fahren trotzdem mit – nicht als Last und unnötiges Gewicht, sondern als wertvolle Erfahrung. Manchmal gehen wir in einen dieser leeren „Erfahrungswaggons“ und machen es uns dort gemütlich. Wir erinnern uns an diesen Lebensabschnitt – mit guten oder schlechten Emotionen. Auf jeden Fall zeigen diese Waggons, wie sehr wir uns weiterentwickelt haben.
Manche Menschen haben kurze Züge: denselben Partner seit der Jugend, nie umgezogen, nie den Arbeitgeber gewechselt.
Andere Züge sind lang. Es gibt kein richtig oder falsch. Kein gut oder schlecht. Jeder Zug ist so individuell, wie die Menschen selbst.
Zuerst war mein Gedanke, dass Abteile immer wieder umgeräumt und neu gestaltet werden können. So dass z.B. der leere Scheidungswagen sich verändert, wenn eine neue Liebe ins Leben kommt. Doch dann wurde mir klar, dass es anders ist: mit jeder Erfahrung kommt ein Wagen dazu. Denn nichts, was wir erlebt haben, ist verloren oder kann einfach mit neuer Farbe überpinselt werden.
Puh, dachte ich. Das ist ganz schön viel Gewicht, dass wir da alle hinter uns herziehen. Das ist schwer. Eine Last. Wie soll man es schaffen, damit einen Berg hochzufahren.
Ich dachte an meine Jobsuche derzeit und daran, dass manche Arbeitgeber es wohl tatsächlich so sehen: „Ältere“ Mitarbeiter ziehen zu viel Gewicht, sind zu unbeweglich, können wir nicht gebrauchen.
Doch steckt in all diesen Waggons auch unglaublich viel Wissen. Kenntnisse, die wertvoll sind – auch für Arbeitgeber. Da steckt vielleicht das Wissen, wie man so einen Berg energiesparend angehen kann um klügere Art ans Ziel zu kommen. Da mag an manchen Stellen die Spritzigkeit fehlen, das ist wahr. Denn ein Zug mit vielen Waggons verausgabt sich nicht völlig am Berg, um dann oben erstmal verschnaufen zu müssen. Er nimmt den Schwung der letzten Abfahrt mit und arbeitet sich dann gleichmäßig und zuverlässig voran nach oben. Auch bergab sorgt er dafür, dass die Geschwindigkeit moderat bleibt und das Gewicht von hinten nicht zu sehr schiebt.
Da ist also Erfahrung, gepaart mit Zuverlässigkeit und einer inneren Ruhe, die in vielen Situationen unbezahlbar ist.
In meinem eigenen Leben sind in der letzten Zeit 3 leere Waggons hinzugekommen: So habe ich mich entschieden, mich beruflich neu zu orientieren. Die Erfahrungen aus meiner Zeit bei Bosch Rexroth fahren aber nach wie vor mit. Was ich dort gelernt habe – fachlich und menschlich – hat meine Persönlichkeit sicherlich geprägt.
Genauso ist es mit den Jahren, die ich als selbstständige Tierkommunikatorin gearbeitet habe. Die zahlreichen Weiterbildungen, die Menschen, die ich kennengelernt und die Fehler, die ich gemacht habe sind keine Last, sie sind eine Bereicherung und wirken manchmal fast wie ein kleiner Motor, der mich antreibt. Denn in dieser Zeit habe ich so viel gelernt und ich habe vor allem gelernt, was mir wirklich Freude macht. Somit wurde hier auch schnell ein neuer Wagen angehängt, denn ich habe begonnen zu schreiben, und Bücher zu gestalten.
Der Raum für meinen künftigen Job ist schon vorbereitet und darf noch belegt werden. Ich bin gespannt, wie er dann bald aussehen wird.
Übrigens denke ich, dass wir nicht nur als Zugmaschine und völlig ohne Waggons in dieses Leben starten. Wir alle bringen doch so manche Fähigkeit und manches Talent mit, das uns bereits „in die Wiege gelegt“ wurde. Und ganz bestimmt auch ein bisschen Karma. So dass wir auf jeden Fall nicht alle in dieselbe Richtung fahren. Die Fahrtrichtung ist für jeden – zumindest ein Stück weit – vorgegeben.
Aus welchen Waggons besteht dein Zug? Und in welchem davon befinden sich die wertvollsten Erfahrungen?

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