Manchmal kommt es mir vor, als wäre jeder Mensch ein Schaufenster.

Als ginge ich durch Straßen mit Fenstern, die alle gleich aussehen. Farblos, ordentlich, angepasst. Nur nicht auffallen, heißt die Devise. Das empfinde ich als bedrückend. Und doch bin ich selbst genauso. Vielleicht war es nicht immer so, aber im Laufe des Lebens ist auch bei mir alles mehr und mehr grau geworden. Wenig Abwechslung, immer derselbe Tagesablauf, keine Ausschläge nach oben oder unten. Jeden Tag gehe ich dieselbe Strecke durch diese Straße, immer dieselben Schaufenster, immer dieselben Menschen. In der Hand halte ich ein Eis. Natürlich ist auch das immer die gleiche Sorte: Stracciatella. Das sind immerhin schon mal zwei Geschmacksrichtungen in einer. Mein kleines bisschen Rebellion.

Dann kommt der Tag, an dem ich diese Tristesse nicht mehr aushalte.

Denn da ist diese kleine Gasse. Unzählige Male bin ich bereits an ihr vorbeigelaufen. Ich hatte nicht den Mut, hineinzugehen. Der breite, belebte Weg schien mir sicherer. Vertrauter. Aber heute biege ich ab.

Schon vor dem allerersten Schaufenster drängen sich Menschen, drücken sich die Nasen an der Scheibe platt. Bunte Lichter, Farben, Lachen – drinnen sieht es aus wie auf einer Party. Nach all dem Grau tun die Farben meinen Augen fast schon weh. Und trotzdem – oder gerade deshalb – werde ich regelrecht in den Raum hineingezogen. Dort gibt es Dinge, die ich noch nie gegessen, getrunken oder gesehen habe. „Komm rein, fühl dich wie zuhause“, sagt man zu mir. Ich laufe am Buffet entlang und probiere. Ein pikant gewürztes Gericht. Einen süßen Cocktail. Es ist ein Fest für alle Sinne. Als ich nach einiger Zeit wieder gehe, nehme ich ein süßes Häppchen mit – und auch das Rezept dazu. Zuhause koche ich es nach. Es wird zu einem kleinen Farbklecks in meinem eigenen grauen Schaufenster. Eine solche Kombination an Zutaten hat es in meiner Küche noch nie gegeben. Ein bunter Hauch, wie ein leiser Windzug weht durch mein Leben. Am nächsten Tag gehe ich wieder in diese Gasse. Diesmal betrete ich ein anderes Geschäft – buntgemusterte Stoffe, fremde Düfte, ein Räucherstäbchen, das ich mit nach Hause nehme und in meinem Fenster platziere. Es wird noch ein bisschen bunter und lebendiger. Jeden Tag betrete ich einen neuen Raum und jeden Tag bringe ich ein wenig mehr Veränderung mit zu mir nach Hause. Gerüche, Farben, Gedanken, Ideen. Es wird immer lebendiger. 

Irgendwann bin ich selbst ein Teil der kleinen Gasse. Die ersten Menschen bleiben stehen und drücken sich die Nasen am Schaufenster meines Lebens platt. Manche reagieren bewundernd, andere kopfschüttelnd, einige neidisch. „Hast du das gesehen?“ höre ich manchmal. Oder auch: „Wie kann man nur…“ Manche sind neugierig genug, um einzutreten. Sie kosten, hören zu und nehmen etwas mit nach Hause. Sie fragen mich, woher ich das alles habe. Ich sage die Wahrheit: Es stammt fast alles von anderen. Aber ich habe nie das Ganze kopiert – immer nur einen kleinen Teil. Und aus all diesen Teilen ist mit der Zeit etwas entstanden, das unverwechselbar meins ist.

Ist es nicht eine schöne Vorstellung? Eine Welt, in der wir uns gegenseitig inspirieren, voneinander lernen und uns damit gegenseitig ein bisschen bunter machen. Eine Straße voller Schaufenster, die sich langsam, Stück für Stück, von grau und eintönig in lebendig und farbenfroh verwandeln.

Du musst dafür nicht alles auf einmal ändern. Manchmal reicht es, einmal an der richtigen Stelle abzubiegen.